Demokratische Entscheidung
In den alten sowjetischen Geschichtslehrbüchern pflegte man Lenin als professionellen Revolutionär zu bezeichnen. Als ich noch in der Schule zum ersten Mal darüber las, stellte sich mir sofort die Frage: Wer ist bei einem solchen Beruf der Arbeitgeber?
Seit Beginn der Unruhen in Nordafrika und dem Nahen Osten drängt sich die Frage nach dem Ursprung einer Revolution wieder verstärkt in den Vordergrund. Die Bewegung in Tunesien erhielt kürzlich die Bezeichnung „Jasmin-Revolution“. Das führt auf direktem Weg zu Assoziationen wie die Rosen-Revolution in Georgien oder die Orangene Revolution in der Ukraine, der Bewegung also, die insgesamt unter dem Begriff "Farbrevolutionen“ bekannt ist.
Während bei den übrigen Farbrevolutionen die Finanzierung durch die Quellen wie US-Stiftungen Freedom House, National Endowment for Democracy (NED) sowie die georgische OpenSociety Institute inzwischen feststeht (Quelle: Wikipedia-Artikel "Farbrevolutionen“), wird es bei den aktuellen Unruhen in der arabischen Welt noch festzustellen sein, in welchem Maße sie "fremdgesteuert“ sind.
Die Frage, ob es ein Zufall ist, daß zeitnah in so vielen recht unterschiedlichen Ländern Revolutionen aufflammen, ist jedenfalls berechtigt. Es wird behauptet, sie alle streben nach Demokratie, obwohl einige davon bereits Präsidialrepubliken sind und somit in diese Richtung rein formal weiter fortgeschritten als parlamentarische Monarchien wie das Vereinigte Königreich, Spanien oder Niederlande.
Welche Art von Demokratie ist es also, die diese jüngsten Bewegungen anstreben?
Vieldeutigkeit
Das Wort "Demokratie“ gehört für mich in dieselbe Kategorie wie "Trockeneis“, "Computer“ oder "Finanzberatung“: Das sind Wörter, die spontan an eine Bedeutung denken lassen, die sich bei näherer Betrachtung als Illusion entpuppt. (Mit "Computer“ beispielsweise verbindet man oft in erster Reaktion Zeitersparnis, Spaß und papierlosen Geschäftsverkehr).
Für viele ist "Demokratie“ dagegen eher positiv besetzt. In einer Art romantischer Verklärung entstehen dabei spontan Vorstellungen wie "Bürgerrechte“ und "Gerechtigkeit“. Diese Doppelwertigkeit ist bei politischen Begriffen nicht selten, werden sie doch vor allem dazu benötigt, große Menschenmassen zu beeinflussen. "Die Worte wirken, unabhängig von ihrer Bedeutung, nur durch die vagen Bilder, die sie hervorrufen. Aber Wort und Bild hängen nur vorübergehend zusammen; von Zeit zu Zeit wechseln die Worte, die als Hebel wirken, aber die Bilder, jetzt an neue Worte geknüpft, haben langen Bestand.“ (Lebon, "Psychologie der Masse“, 2. Auflage, Leipzig, 1919, S.71/72) "Daher ändert der mit der Massenseele vertraute Staatsmann nur die verhaßten Worte, ohne an die Dinge zu rühren. Die Regierungskunst besteht besonders darin, daß man die Worte zu meistern versteht. Die gleichen Worte bedeuten verschiedenen Schichten des gleichen Volkes und verschiedenen Rassen ganz verschiedenes: so z. B. heißt "Demokratie“ bei den Lateinern: Staatstätigkeit, bei den Angelsachsen das Gegenteil, nämlich Selbstverwaltung.“ (ebenda, S. 76)
Wir können uns vermutlich in erster Annäherung darauf einigen, daß Demokratie eine Erscheinung ist, die mit Massen zu tun hat. Jeder kann wohl genug Griechisch, um das Wort in seine Bestandteile zu zerlegen. Doch zwischen "Wir sind das Volk“ und dem Regieren bzw. Herrschen liegt ein weiter Weg.
Struktur ist alles
Jede Tätigkeit, Regieren eingeschlossen, läßt sich in viele kleine Zwischenschritte zerlegen, von denen sehr viele mit der Zeit mehr oder weniger automatisch ausgeführt werden. Zum Schreiben dieses Artikels beispielsweise gehört Nachdenken genauso wie das Tippen und der Umgang mit einem Textverarbeitungsprogramm; nur das erstere läuft bewußt ab. Bei größeren Strukturen wie z. B. einer Firma werden diese automatisierten Abläufe analysiert, verbessert und als eine vom Mitarbeiter unabhängige Struktur – Firmenvorschrift – etabliert.
Die Produktivitätssteigerung ist die direkte Folge dieser Vereinheitlichung und Automatisierung: Einen klar abgegrenzten Ablauf kann man leichter durch einen Automaten ersetzen und dort, wo noch Menschenkraft eingesetzt wird, werden die Zeitverluste aufgrund des Wechsels der Tätigkeiten verringert.
Dieser Vorgang läßt sich auf mechanische Abläufe nicht begrenzen, er ist vielmehr ein wesentlicher Bestandteil der Bildung von Institutionen: durch die Errichtung beständiger, ihren Zielen dienender Strukturen macht sich jede Gruppe, egal ob eine Firma oder ein Staat, vom Wechsel der Einzelpersonen und somit von unliebsamen Überraschungen unabhängig. (Bush jr. soll einmal gesagthaben: "Regieren ist einfacher, als ich dachte.“) Spontaneität und freie Meinungsbildung werden dabei eher mit Vorsicht genossen: Selbst wenn ein Callcenter-Mitarbeiter gelegentlich durchaus in der Lage wäre, einem aufmüpfigen Kunden seine begründete Meinung zu sagen, wird er von bestehenden Firmenvorschriften angehalten, höflich zu sein und seine Äußerungen auf vorgegebene Floskeln zu beschränken (nicht selten, insbesondere im Schriftverkehr, dient es auch dazu, Bildungslücken zu kaschieren).
Ohne eingespielte Abläufe, ohne Verwaltungsroutine ist eine Entscheidungsfindung selbst in einer kleinen Gruppe sehr mühsam: Wer schon einmal an einer Mitgliederversammlung eines Vereins teilnahm (Gebührenerhöhung wäre ein würdiges Thema), weiß, wie zäh und unbefriedigend dort die Verhandlungen oft ablaufen, und wie tief man seine Erwartungen auf ein vernünftiges Ergebnis ansetzen muß.
Warum? Weil eine mehr oder weniger zufällige Ansammlung von Menschen nur sehr wenig gemeinsam hat: Selbst wenn die einzelnen Individuen von ausgeprägter Intelligenz sind, werden sie sich niemals in ihren hochentwickelten Seiten stark überschneiden, sondern sich zwangsläufig auf einer tieferen, allen gemeinsamen Stufe treffen, die dem biopsychologischen Reservat um so näher liegt, je größer und heterogener die Gruppe ist (was die TV-Sendungen mit den höchsten Einschaltquoten immer wieder bestätigen).
Wie ist es dann möglich, daß eine so große Versammlung wie der Deutsche Bundestag Jahr für Jahr mehrere, teils sehr komplexe, Gesetze verabschiedet? Das ist nur als Ergebnis der zuverlässig funktionierenden Bürokratie der Ministerien denkbar, die sich wohlgemerkt nicht der Prozedur einer demokratischen Wahl aussetzt.
Es wäre naiv zu glauben, andere Parlamente – egal, auf welcher Ebene – würden sich auf die Eventualitäten der persönlichen Meinungen der Abgeordneten einlassen. Fraktionszwang, Koalitionsbeschlüsse, Parteilisten etc. bilden einen Rahmen, der dem Entstehen und vor allem Verteidigen der eigenen Meinung zuverlässig den Riegel vorschiebt (etwaige Ausnahmen bestätigen hier wie immer die Regel).
"Was ... die nichtanonymen Massen der Parlamente anlangt, so gleichen sie einander außerordentlich: im Simplismus ihrer Ideen, in der Erregbarkeit und Suggestibilität (Beinflußbarkeit – O. F.), der Überschwänglichkeit der Gefühle, dem überwiegenden Einfluß der Führer. ... In allgemeinen Fragen ... sind die Abgeordneten der Suggestion der Führer derart unterworfen, daß sie binnen einer Viertelstunde zwei einander entgegengesetzte Beschlüsse zu fassen imstande sind. Im übrigen wirken die Führer nicht durch ihre Gründe, sondern durch ihr Prestige: ist es verloren, so haben auch die besten Gründe keine Kraft mehr. Auf ihrer Höhe wirken sie durch Schlagworte, vor allem ferner durch Übertreibungen; zuweilen sind sie intelligent, aber das schadet ihnen nur; die großen Führer alle Zeiten, besonders die der großen Revolution, waren kläglich beschränkt, so auch vor allem Robespierre. Sie wirken nur auf das Unbewußte ihrer zu Automaten gewordenen Hörer. Gute Beschlüsse sind immer das Werk eines Fachmannes, der still zu Hause gesessen hat.“ (Lebon, „Psychologieder Masse“ wie oben, S. 135, 139-141).
Eine kollektive Entscheidung ist immer ein direktes Produkt der Struktur, in die sie eingebettet ist. Ist diese Struktur einmal etabliert, produziert sie erwünschte Entscheidungen wie am laufenden Band. Wer sie beeinflussen will, muß nicht mehr auf die einzelnen Personen mit ihren Launen und Prinzipien, sondern vielmehr auf die Struktur im Ganzen einwirken. Die immer geringere Wirkung von Einzelpersonen in modernen politischen Strukturen wird immer deutlicher, je weiter man sich von der kommunalen Ebene entfernt. Die EU bietet dafür das beste Beispiel.
Was für eine kollektive Entscheidung charakteristisch ist, ist die Empfindung der Verantwortungslosigkeit. Geschützt durch die institutionalisierte Handlung kann sich beispielsweise ein Parlament für Dinge wie Enteignungen, Kriegserklärungen oder Einsetzen von bestimmten Waffen "entscheiden“, für die man Einzelpersonen entweder wegen mangelnder Zurechnungsfähigkeit oder Gemeingefährlichkeit einsperren müßte.
Demokratische Regierungen sind auch in ausgeprägter Weise dazu fähig, kurzfristige Interessen den langfristigen vorzuziehen. Dazu gehört vor allem die Bereitschaft zur immensen Staatsverschuldung, durch die sich sämtliche "Demokratien“ westlicher Prägung auszeichnen. Ist es Zufall, daß das gerade die Eigenschaft ist, die das herrschende Finanzsystem dringend braucht?
In diesem Sinne ist jedoch die plötzlich am Ausklang der größten Finanzkrise aller Zeiten entflammte demokratische Bewegung in Afrika vor allem zu verstehen.
Hoffnung und Realität
Libyen mit seinen ca. 6,5 Mio. Einwohnern hatte zu Beginn der Unruhen eine Staatsverschuldung von 3,3%: Das war der 131.Platz, der letzte(!) laut "The World Factbook“ der CIA in der Liste der verschuldeten Länder: ca. 2,6 Mrd. US$ oder klägliche 400 US$ Staatsschulden pro Kopf. Soviel ungenutztes Potential: ein Skandal! Griechenland mit seinen 10,75 Mio. Einwohnern brachte es mit 144% immerhin auf Rang 5 (nach Zimbabwe, Japan, Saint Kitts and Nevis und Lebanon). In absoluten Zahlen entspricht es 434,9 Mrd. US$ oder 40.445,00 US$ Staatsschulden pro Kopf! Und das ist nicht alles. Ein Bund arabischer Staaten, von dem wir bestimmt noch hören werden, würde es noch zu viel mehr bringen. Aber im Moment ist es noch Zukunftsmusik.
Die Menschen auf den Straßen in Nordafrika erhoffen sich mit der Demokratie mehr Freiheit, größere Gerechtigkeit, besseres Leben: all das, was die romantische Lesart dieses Wortes suggeriert. Das sind nachvollziehbare Gründe, die allerdings in fast jeder Bevölkerung schlummern, auch in den westlichen Demokratien. Sie reichen höchstens für den ersten Impuls, nicht für einen ganzen Aufstand.
Der Aufstand kann nur von der Masse getragen werden: einer "Volksmenge, die infolge geistiger Ansteckung Einmütigkeit aufzeigt“ (Roß, S. 103 – zitiert nach F. Oppenheimer, „System der Soziologie“, Fischer Verlag, Stuttgart,1964, Bd. I/2, S. 568). Zur "geistigen Ansteckung“ zählen heute ohne Zweifel auch die Impulse, die durch soziale Medien wie Facebook und Twitter ausgesandt und durch die ständige Wiederholung in ihrer Intensität verstärkt werden.
Der Mechanismus der "geistigen Ansteckung“ basiert auf der instinktgetriebenen Neugier, die sich um so schneller intensiviert und verbreitet, je größer die Menge ist, die sich für eine unbekannte oder geheime Sache interessiert, denn "keine Vorstellungen erscheinen und so außerordentlich klar als die, welche uns von allen Seiten eingeschärft werden.“ (Tarde)
Einer sich spontan zusammengefundenen Menge fehlen sämtliche Ordnungsstrukturen, daher wird sie sich nach völlig anderen Gesetzen – den Gesetzen der Massenpsychologie – verhalten. "Die einfache Masse ist im höchsten Maße erregbar, triebhaft, gewalttätig, schwankend, inkonsequent, unschlüssig und extrem in ihrer Handlung; sie zeigt nur die gröberen Erregungen und weniger verfeinerten Gefühle, ist im höchsten Grade suggestibel, oberflächlich in der Erwägung, hastig im Urteil, nur der einfacheren und unvollkommenen Denkformen fähig, leicht zu bewegen und zu leiten, ohne Selbstachtung und Verantwortungsgefühl, und dazu geneigt, sich durch das Bewußtsein ihrer Stärke fortreißen zulassen ...“ (Mc Dougal, „Group Mind“, S. 45, zitiert nach "System der Soziologie“ wie oben, Bd. I/2, S. 568)
Zum bekannten Muster von Farbrevolutionen gehört die Tatsache, daß ihre Führer – im Wikipedia-Artikel werden sie "Träger der Revolutionen“ genannt – jung, ausgezeichnet Englisch sprechend und (oft im Ausland wie Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili) gebildet sind. "Ihre Aktionen zivilen Ungehorsams wurden mit modernen Marketing- undKommunikationsstrategien vorbereitet. Während der Revolutionsphase produzierten die Organisatoren täglich neue Nachrichten, die den örtlich vertretenen internationalen Medien vermittelt und mit Hintergrundwissen kommentiert wurden. Berichte von BBC World und CNN wirkten dann jeweils unmittelbar auf das eigene Land zurück, animierten hunderttausende Menschen, auf die Straßen zu gehen.“ (Quelle: Wikipedia-Artikel „Farbrevolutionen“).
Zurück zur Befreiungsbewegung in Nordafrika. Im Einklang mit der Vieldeutigkeit dieses Wortes wird das Ziel der „Demokratie“ dort vermutlich erreicht werden. Die Bevölkerung wird, falls es bisher nicht der Fall war, die Möglichkeit erhalten, in regelmäßigen Abständen für die Partei ihrer Wahl zu stimmen; die Anzahl der Arbeitsplätze wird sich dank westlicher Investitionen erhöhen, und die ehemals Arbeitslosen werden bald andere Probleme haben: hohe Steuern und Pflichtversicherungen, die den Großteil ihres Einkommens auffressen werden. Auch die Jugendlichen, die zur Zeit unter Perspektivlosigkeit leiden, erhalten bald ein lohnendes Ziel: die Kredite abzubezahlen, die sie für ihre neuen Autos und Wohnungen aufgenommen haben werden. Mit anderen Worten: Ihr Leben wird sich dem eines typischen West- und inzwischen auch eines Osteuropäers angleichen.
Es kann durchaus sein, daß dieses Leben von vielen als „besser“ empfunden wird. Es wäre nur illusorisch anzunehmen, daß es der Demokratie in ihrer idealisierten Bedeutung zu verdanken wäre. Nicht der Demokratie, sondern dem Kapital, das in ein Land strömt, sobald seine politischen Strukturen nach einem bestimmten Muster aufgebaut sind, wäre diese Entwicklung zu verdanken.
Eine Rarität
Die Wortschöpfung "demokratische Entscheidung“ in ihrer gemeinhin verstandenen Bedeutung setzt etwas voraus, was es in der Realität nur selten gibt: eine freie Persönlichkeit. Es liegt nicht nur daran, daß die meisten Menschen wirtschaftlichen Zwängen ausgesetzt sind, die ihr Verhalten in eine bestimmte Richtung zu lenken scheinen. Es hängt auch mit der Art und Weise zusammen, wie die soziale Entwicklung eines Menschen abläuft.
Wir alle werden in eine Welt hineingeboren, mit der wir uns zunächst vertraut machen müssen, um zu überleben. Der Erziehungsprozess sieht zuallererst die Anpassung des Heranwachsenden an die bestehenden sozialen Strukturen vor. Dies ist die notwendige Voraussetzung der Sozialisierung. Andernfalls gleicht "jede neue Generation ... einem Einfall kleiner Barbaren; wenn ihre Eltern es versäumen, sie durch die Erziehung zu zähmen, so ist der Verfall unausbleiblich.“ (Le Play)
Durch die Einrichtung bestimmter – physischer wie ideeller – Schranken entstehen bleibende Institutionen, die dabei helfen, den Fortbestand der Zivilisation aufrechtzuerhalten: Sie halten in der Regel länger als ein einzelnes menschliches Leben. Als erster Schritt im Leben wachsen wir in bestehende Traditionen, in diese Institutionen hinein; das ist ein notwendiger Bestandteil unserer Sozialisierung.
Diese Strukturen sind so ausgelegt, daß sie zuallererst ihren eigenen Erhalt sichern. Jede Gruppe, im kleinen wie im großen, strebt danach, ihre Interessen duchzusetzen. Das bedeutet unter anderem, daß sie erwartet, daß alle ihre Mitglieder zumindest bis zu einem gewissen Grad ihre Interessen teilen.
„In der Tat handelt der Mensch in der Mehrzahl der Fälle spontan so, wie die Gruppe es erzwingen würde, wenn er es nicht täte; er handelt spontan so, weil er aus Motiven, gefühlsmäßigen und bewußten, handelt, die die Gruppe selbst in ihn gepflanzt hat. Da hat es wirklich keinen Zweck zu fragen, ob die Handlung aus freier Wahl oder aus Zwang oder aus Furcht vor Zwang erfolgt: die ehemals freie Wahl der Gruppe ist zum Zwang für das Individuum geworden, aber dieser Gruppenzwang verwirklicht sich im Individuum durch das, was er als seine "freie Wahl“ empfindet.“ (F. Oppenheimer, "System der Soziologie“ wie oben, Bd. I/2, S. 488)
Bei vollkommener Gleichschaltung der Gedankengänge all ihrer Mitglieder ist die Gruppe natürlich vor Überraschungen – zumindest von innen – geschützt. Doch gleichzeitig fehlen ihr wichtige Entwicklungsimpulse, die ihre fördernde Wirkung selbst bzw. gerade dann entfalten, wenn sie als Störung wahrgenommen werden.
Es liegt in der Verantwortung des Einzelnen, den Prozess der eigenen Vervollkommnung über die anfängliche Sozialisierung hinaus weiter zu betreiben, indem er seine bestehenden Ansichten in der Begegnung mit Anderen, seien es Menschen, Ideen oder Institutionen, immer wieder bewußt hinterfragt und im Vergleich, in der Abgrenzung mit ihnen seine eigene Position Schritt für Schritt ausfindig macht. Nur auf diesem Weg gelangt man zu Entscheidungen, die im höheren als dem üblichen Maße die Bezeichnung "frei“ verdienen.
Nachtrag
Als die Arbeit an diesem Text weitgehend abgeschlossen war, stieß ich auf folgende Meldung: "Die EU will den Wandel in Nordafrika mit viel Geld unterstützen. In den kommenden zwei Jahren sollen Kredite von bis zu sechs Milliarden Euro gewährt werden. Statt der geplanten 2,8 könnten bis zu 6 Milliarden Euro im Zeitraum 2011 bis 2013 für diese Regionen ausgegeben werden, sagte EIB-Präsident Philippe Maystadt.“
Das paßte ausgezeichnet zur Stellungnahme des deutschen Außenministers, der zur annähernd gleichen Zeit einen Nord-Süd-Pakt der EU mit den arabischen Ländern vorschlug, die kürzlich „durch demokratische Revolutionen ihre Diktatoren abgeschüttelt“ hätten. "Auf uns kommt eine moralische Verpflichtung zu, die aber mit unserem politischen Interesse sehr im Einklang ist", sagte er gegenüber FTD.
Wie jeder erfahrene Politiker ließ der Außenminister hier Wichtiges zwischen den Zeilen stehen: Die Interpretation seiner Worte als "Wir (die Europäische Finanzwirtschaft) sehen es nicht nur als willkommene Gelegenheit, dem Konkurrenten China in dieser Region seine Grenzen aufzuzeigen; wir benötigen auch dringend neue, gut gestaltbare Verschuldungsräume“, würde der Wahrheit näher kommen. Doch wenn es wie gewöhnlich als "Wir (deutsches Volk) unterstützen die Demokratie in Arabien" verstanden wird, macht es einen besseren Eindruck.
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Kommentare
LTM meinte am 05.03.2011 um 11:17:
Liebe Olga, Danke für den Artikel/ Deine Arbeit bei Hartgeld. Stimmt alles.
Dank für die mich klärenden Gedanken über die wirtschaftlichen evtl. Absichten zu Nord Africa.
Gruß Bernhard
PS Deine Veröffentlichungen lese ich immer, weil sie vom klarem Geist kommen
Andreas meinte am 05.03.2011 um 14:37:
herzlichen Dank für Ihren Beitrag, der auf hartgeld.com veröffentlicht wurde.
Klare Worte, die einem klaren Geist entspringen. Ich hoffe zukünftig mehr von Ihnen lesen zu dürfen. Es braucht Worte wie Schwerter, wie es die Ihren sind. Gerne mehr davon!
Die Menschen sind fett, träge, tumb, faul und willentlich mit ADS-Symptomen beaufschlagt worden. Wobei es meiner Ansicht nach keines psychologischen Gutachters und willfährigen Sklaven der Pharmaindustrie mehr bedürfte, um weit größeren Schaden anzurichten. Die Menschen glauben meist selbst daran - wie Lemminge. Ist es der sogenannte "Herdentrieb"? Keine Ahnung. Ich bin nur Elektriker und Selbstdenker. Mehr nicht.
Vitamine, regelmäßige Bewegung an der frischen Luft, Bescheidenheit und ein gesunder Altruismus mit einem Mindestmaß an (irgendwelcher) Religiosität, täten ein Übriges, um den Menschen wieder auf eine Bahn zu geleiten, die seinem spirituellen, geistigen und technisch-technologisch-wirtschaftlichen Fortkommen hilfreich sein könnte.
Herzliche Grüße
Andreas
Gabriele meinte am 05.03.2011 um 17:40:
Vielen Dank für interessanten Aufsatz. Dazu in Ergänzung möchte ich folgende Artikel empfehlen
Tunesien hat im letzten Jahrzehnt zunehmend eine wirtschaftliche Liberalisierung erfahren: Im World Economic Forum’s Global Competitiveness Report von 2010-2011 war das Land als das wettbewerbsfähigste in ganz Afrika ausgewiesen und kam im weltweiten Ranking der wirtschaftlich starken Länder sogar auf Platz 32. Der hohe, muslimische Bevölkerungsanteil ist wirtschaftlich eine große Chance für das islamischen Bankenwesen (Islamic Banking) sowie auch für andere Unternehmen.
Mehr von diesem Artikel lesen (http://lupocattivoblog.wordpress.com/2011/03/05/wie-rothschild%e2%80%99s-inszenierte-revolutionen-in-tunesien-und-agypten-die-islamischen-banken-in-den-entstehenden-markten-nordafrikas-vernichten-konnten/)
http://www.politaia.org/politik/die-welt-jubelt-wahrend-die-cia-libyen-ins-chaos-sturzt-david-rothscum/ Wie ging es Libyen unter Gadaffi? Wie schlecht stand es um die Menschen? Wurden sie unterdrückt, wie wir das gemeinhin annehmen? Werfen wir einmal einen Blick auf die Fakten.
Bevor das Chaos ausbrach, hatte Libyen eine geringere Häftlingsrate als die tschechische Republik. Sie lag an 61. Stelle. Libyen hatte die geringste Kindersterblichkeitsrate in Afrika. Weniger als 5% der Menschen hungerten. Angesichts der steigenden Lebensmittelpreise in aller Welt schaffte die libysche Regierung alle Steuern auf Lebensmittel ab.
Die Leute in Libyen waren reich. Libyen hatte das größte Pro-Kopf-Einkommen in Afrika. Die Regierung sorgte dafür, dass alle am Wohlstand teilhaben konnten. Der Wohlstand war gerecht verteilt. In Libyen lebten weniger Menschen unter der Armutsgrenze als in den Niederlanden.
bruno denifl meinte am 05.03.2011 um 17:50:
ich bin ein osterreicher der seit 5 jahren seine heimat verlassen hat und habe eine hotelbeteiligung in marokko lebe aber in mali; in marokko ist die lage so das jeder der selbst nur 200 eruo monatlich verdient bestimmt bis zum maximum ca 3.000 eruo kredit hat seit der neue konig dort ist bekommt jeder kredit deshalb auch der bauboom in diesem land leasing fur autos in diesem land das gibts seit 5 jharen; autos durfen nur noch importiert werden wenn sie junger sind als 5 jahre das land ist inerhalb kurzester zeit total verschuldet einfach verruckt; wie sie vielleicht wissen ist ja der zins im islamischen glauben verboten so steht es im koran und die arabische bank gibt ja keine kredite in der foram aus wie wir sie kennen sondern beteiligt sich an den firmen; ich denke sie haben die sache richtig und sehr gut erkannt das das ganze von aussen gesteuert ist um das finazsystem kunstlich am leben zu erhalten da das potenziall dort sehr gross ist und das streben nach westlichen luxusgutern noch grosser ist als in europa da man ja zeigen will was man hat und beweisen will das man besser ist als sein nachbar
Friedel meinte am 06.03.2011 um 13:08:
Betreff Artikel: Demokratische Entscheidung
Sehr sehr guter Artikel.
Danke Friedel
Uwe meinte am 07.03.2011 um 10:08:
Das sich Schulkinder mit solchen Sachen befassen bezweifle ich.
Den Georgier Saakaswili kann man als Hasardeur bezeichnen.Die georgische Führung hat unter Verletzung der Uno-Charta und der Verpflichtungen aus internationalen Abkommen sowie des gesunden Menschenverstandes einen bewaffneten Konflikt ausgelöst Das gleiche Schicksal erwartete Abchasien. Die hatten einen Blitzkrieg geplant um sie dann vor vollendete Tatsachen zu stellen,weil die Welt durch die Eröffnung der Olympiade in Peking abgelenkt war.!
Warum beziehen Sie denn nicht Dänemark,Schweden und Norwegen ein?
Das scheinbar so wissenschaftliche geschriebene hält einer Prüfung nur bedingt stand.
Ich habe selten so viel un so komprimierten Unfug gelesen
Selig sind die friedfertigen