Über meine Herkunft kann ich leider nur mutmaßen. Ich bin in gewissem Sinne Produkt meiner eigenen Phantasie.

Von Löffeln, Nüssen und Schrauben

"Die menschliche Gesellschaft ist eine geistige Schöpfung des Menschen und dennoch eine Wirklichkeit." - Alfred Fouillée

Die meisten Menschen in meinem Bekanntenkreis haben keine Probleme mit der Krise oder damit, daß die Gesellschaft "nicht richtig“ funktioniert. Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, die eine solche Feststellung macht. Ein sehr interessantes Argument in diesem Zusammenhang lautet: „Weißt du eigentlich, woher der Ausdruck 'den Löffel abgeben' kommt? Früher hat man, wenn man starb, den Löffel – damals einen wertvollen Gebrauchsgegenstand – zur weiteren Benutzung an den nächsten Verwandten abgegeben. Verglichen damit haben wir heute einen unglaublich hohen Lebensstandard, so hoch wie noch nie!“

Das ist wahr. Haben wir vielleicht tatsächlich keinen Grund, unzufrieden zu sein? Was entscheidet eigentlich darüber, ob eine Gesellschaftsform „gut“ oder „schlecht“ ist?

Eine kleine Geschichte

Ich fange diesmal mit einer Geschichte an. Sie betrifft einen langen Zeitraum, den ich möglichst kompakt darzulegen versuche.

Vor ca. 2,5 Millionen Jahren erlebte der Osten des afrikanischen Kontinents eine Klimaveränderung, ausgelöst durch die Hebung der Kontinentalplatte. Diese Klimaveränderung führte zur Versteppung, die die Lebensbedingungen der dort lebenden Tierarten radikal veränderte. Wohl oder übel mußten sie sich der neuen Realität anpassen. Diese sah nun so aus, daß statt wie früher weicher Nahrung (Früchte) aus den Wäldern nunmehr viel Gras sowie hartfaserige Nahrung – eine wissenschaftliche Bezeichnung für Nüsse – zur Verfügung stand. Wer schon einmal versuchte, eine Konservenbüchse ohne Aufreißdeckel und ohne weiteres Werkzeug zu öffnen, wird sich vorstellen können, wie es vielen Bewohnern Afrikas zu dieser Zeit ging.

Einer von ihnen – ein Menschenaffe mit der schönen Bezeichnung Paranthropus – ließ sich jedoch nicht entmutigen. Um die Nüsse zu knacken, entwickelte er eine gewaltige Kaumuskulatur und entsprechend mächtige Backenzähne. Seine Kaumuskeln setzten zur Kraftverstärkung am hohen Scheitelkamm des Schädels an, der bestimmt sehr beeindruckend aussah. Das ging eine Weile gut. Der Nachteil war jedoch, daß diese reine Hardware-Lösung wenig anpassungsfähig gegenüber weiteren Veränderungen war. Wir wissen es deshalb, weil es Paranthropus nicht mehr gibt. Er starb aus. Möglicherweise gewannen die Nüsse schneller an Härte als sein Gebiß an Stärke.

Seine Kollegen aus der Gattung Homo verfolgten zur ungefähr gleichen Zeit einen anderen Ansatz. In ihrem Bemühen, ihr bestmögliches Überleben zu sichern, erkannten sie den Nutzen von Werkzeugen und setzten sie fortan ein. Ihre Kenntnisse gaben sie an die nächste Generation weiter, wofür sie sich der (eigens dafür entworfenen) Sprache bedienten. Die Verwendung von Werkzeugen und später auch Waffen erschloß ihnen auf lange Sicht ein breiteres Nahrungsangebot – schließlich war die Steppe voller Huftiere – und sicherte so das weitere Überleben.

Auch wenn die weitere Entwicklung für die Homo-Vertreter ebenfalls nicht ohne Rückschläge war – bekanntlich ist von dieser einst reichbesetzten Gattung nur eine einzige Art, der Mensch, übriggeblieben – so brachte sie dennoch die Erkenntnis, daß kognitive Fähigkeiten wesentlich schneller zu gewünschten Ergebnissen führen als der langwierige Weg über die DNA.

Was können wir aus dieser Geschichte lernen?

Nun, die Zeit, in der wir leben, ist auch reich an Veränderungen. Selbst wenn man heute geteilter Meinung darüber sein mag, ob die Finanzkrise schon vorbei ist oder in ihrem vollen Ausmaß noch bevorsteht, eins kann man jetzt schon sagen: Die Verschiebung, die sie ausgelöst hatte, war ebenfalls tektonisch. Sie hat das alte gesellschaftliche Gleichgewicht zerstört, und die Frage ist nun, in welchem neuen Zustand die Gesellschaft es wiederfinden wird.

Das Prinzip des kleinsten Mittels

Woran kann man nun erkennen, ob eine Form der Gesellschaft den tatsächlichen Verhältnissen angemessen ist oder nicht? Hier benötigen wir etwas Theorie. Der erforderliche Begriff nennt sich das „Prinzip des kleinsten Mittels“. Was ist damit gemeint?

Die Handlungen der Menschen werden durch ihre Bedürfnisse motiviert. „Das 'Prinzip des kleinsten Mittels' befielt dem Bedürfenden, das Ziel seines Begehrens so vollkommen wie möglich mit dem kleinsten möglichen Aufwande zu erreichen.“ (Franz Oppenheimer, „System der Soziologe“, Stuttgart 1964, Bd. III/1, S. 29).

Mit „Aufwand“ ist hier die Überwindung des subjektiven inneren Widerstands gemeint, der damit verbunden ist, daß jeder Mensch nur über einen knappen Vorrat an Ressourcen verfügt, die er zum Erreichen seiner Ziele einsetzen kann. Das Einsetzen eines Teils dieses Vorrats für das eine Ziel bedeutet daher gleichzeitig den Verzicht auf andere. „Das Prinzip des kleinsten Mittels gebietet [...], diesen Vorrat zur möglichst vollkommenen Erreichung [der] Begehrensziele zu verwenden.“ (ebenda, S. 30)

Auch die Gesellschaft als Ganzes, als Produkt der unzähligen Interaktionen zwischen lebenden Individuen, versucht in der Tendenz, ihre Probleme mit dem geringsten möglichen Aufwand zu lösen. Die Gesellschaft im Gleichgewicht strebt immer nach innerer Harmonie. Sie ist für jeden Moment der Entwicklung für ihre Teilgruppen und Einzelmitglieder das kleinste Mittel ihrer wirtschaftlichen Bedürfnisbefriedigung. Für jede Entwicklungsstufe strebt sie die passendste der möglichen Formen an.

Tritt eine Störung ein, ist die Gesellschaft bestrebt, diese auszugleichen und sich den neuen Bedingungen anzupassen. Wenn jedoch eine notwendige Anpassung über einen längeren Zeitraum ausbleibt, so ist das ein Hinweis auf die mangelnde Fähigkeit, die notwendigen Veränderungen durchzuführen.

Es ist mehr als drei Jahre her, als zum ersten Mal von den Verwerfungen auf dem amerikanischen Markt für Wohnimmobilien die Rede war, die den Beginn einer schweren Finanzkrise einläuteten. Seitdem ist in Sachen Reformen trotz schwerer sozialer Erschütterungen nicht viel passiert. Die „Rettungsaktionen“ und „Sparmaßnahmen“ in den von der Krise betroffenen Ländern zähle ich nicht zu Reformen, sondern zum Versuch, die schwierige Situation einfach auszusitzen. Doch die Hoffnung, man könne durch das lange und beständige Warten oder notdürftige Reparaturen eine Rückkehr zur alten, liebgewonnenen „Normalität“ zurückgewinnen, wird sich nicht erfüllen.

Fragen wir uns deshalb, warum es der Gesellschaft so schwerfällt, sich anzupassen und welche Hindernisse ihr dabei im Weg stehen?

Das alte Erbe

Die gesellschaftlichen Strukturen, mit denen wir heute leben, haben sich parallel zur Entstehung der Industriegesellschaft in Europa und den USA gebildet und wurden von dieser maßgeblich geprägt. Sowohl die sehr allmähliche Einführung der Einkommensteuer als auch die Einführung der Schulpflicht und später der Bismarckschen Sozialversicherungsgesetze erschienen zu dieser Zeit sinnvoll und spiegelten die Balance der damaligen gesellschaftlichen Kräfte wider.

Diese Entwicklung setzte sich bis heute fort und resultiert inzwischen in einer umfassenden Anpassung der gesellschaftlichen und nicht zuletzt staatlichen Strukturen an die Bedürfnisse der Industrie- und Finanzkonzerne. Einen Überblick über diese enge Bindung habe ich in meinem Artikel „Hinter der Fassade“ gegeben. Es gibt jedoch noch mehr Details, die beim näheren Betrachten ein aufschlußreiches Bild ergeben.

Dazu gehört an erster Stelle die Gestaltung der Einkommensteuer, die in vielen europäischen Ländern sowie den USA einen ähnlichen Verlauf hatte. Anfangs meist als Kriegs- oder Infrastrukturabgabe eingeführt, entwickelte sich die Einkommensteuer seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr zu einer universellen Abgabe auf das Einkommen, insbesondere auf das Einkommen aus Arbeit.

Was ist an der Besteuerung der Arbeit so besonders im Vergleich zu den anderen Einkommensarten?

Die Arbeitskraft stellt eine der am meisten knappen und daher wertvollen Ressourcen im Leben eines Menschen dar. Ein Großteil davon wird von jeher für die reinen Existenzbedürfnisse verwendet. Das bedeutet, für die Reproduktion der Arbeitskraft sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Eine nennenswerte Besteuerung der Arbeit war lange Zeit allein aus dem Grund nicht möglich, daß dadurch eben diese einfache Reproduktion bereits gefährdet wäre.

Dies änderte sich mit der industriellen Revolution. Durch die teilweise sagenhafte Steigerung der Produktivität und damit Senkung der Preise auf die Waren aus der Massenfertigung stieg auch die Kaufkraft aus dem Arbeitseinkommen so gewaltig, daß man immer größere Teile dieses Einkommens abschöpfen konnte, ohne daß die Betroffenen einen realen Verlust an Kaufkraft merkten. „Unmerklichkeit“ gehört auch heute nicht zufällig zu den Grundsätzen der Steuererhebung.

Diese Vorgehensweise wurde durch den allgemein sehr niedrigen Bildungsstand der Arbeiter begünstigt. Die Einführung der Taylorschen Methoden bei den Arbeitsabläufen führte zum Beispiel oft zu Produktivitätssteigerungen von mehreren Hundert Prozent und das nicht selten ohne die Benutzung zusätzlicher Werkzeuge. Die Entlohnung der beteiligten Arbeiter wuchs dagegen nur in einem niedrigen Prozentbereich und wurde trotzdem akzeptiert.

Die mangelnde Bildung – und das staatliche Monopol darauf macht diese Situation auch heute nicht besser – war auch in einer anderen Hinsicht hilfreich. Es war möglich, die existierenden Abgaben, vor allem die immer höher werdenden Beiträge zur Sozialversicherung gegenüber breiten Bevölkerungsschichten nicht nur durch das Aufspalten in den Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil zu verschleiern, sondern sie außerdem als eine unverzichtbare Schutzfunktion des Staates zu „verkaufen“.

Umfassender Schutz

Schutz? Wovor? Wenn es sich um den Staat handelt, gilt fast immer die Regel: Man ändere das Vorzeichen, und schon wird die wahre Absicht sichtbar. Was oder wer wurde und wird in diesem Fall also tatsächlich geschützt?

Dafür müssen wir uns ansehen, wie sich die Belastung der Arbeit mit Steuern und Abgaben auf die Produktivität der Gesellschaft als Ganzes auswirkt.

Auf der Seite der Nachfrage bedeutet sie als erstes verminderte Kaufkraft. Dies macht sich nicht besonders stark bemerkbar, solange man sich an die vorgegebenen Konsumgewohnheiten hält, sprich die Waren aus der Massenherstellung konsumiert. Die weiterhin beträchtliche Produktivitätssteigerung in diesem Bereich macht durch die sinkenden Preise den Verlust an Kaufkraft weitgehend wett.

Dies ändert sich jedoch gewaltig, sobald man Bedürfnisse hat, die anders strukturiert sind. Zu diesem Bereich gehören alle personennahe Dienstleistungen, nicht zuletzt in Bildung und Erziehung, oder auch handwerkliche Arbeiten. Das vielzitierte Beispiel eines Malers, der acht Stunden lang arbeiten muß, um 1 bis 2 Stunden Arbeit eines Klempners zu bezahlen, ist so selbstverständlich geworden, daß man es quasi für normal hält. Doch das ist alles andere als normal. Genau das ist der Grund, der für die Gesellschaft als Ganzes viele negative Folgen hat.

Was macht also ein Maler oder auch ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, wenn sein Wasserhahn kaputtgeht? Er fährt zum Baumarkt. In diesem durch Einsparung der Beratung aufs höchste „optimierten“ Markt holt er sich sowohl den Wasserhahn als auch das passende Werkzeug aus Massenherstellung und investiert dann seine eigene „unbezahlte“ Freizeit, um den Fehler zu beheben.

Diese Handlungsweise ist sicher rational. Was bleibt einem schon übrig, nachdem seine Kaufkraft künstlich reduziert worden ist? Man greift zur Selbsthilfe oder organisiert sich in Tauschzirkeln mit der Stunde Arbeit als Tauscheinheit, was natürlich auch nur sehr eingeschränkt funktionieren kann, weil dabei die Unterschiede in der Qualifikation unberücksichtigt bleiben.

Doch gesamtwirtschaftlich hat es die Bedeutung, daß die zuvor durch sagenhaft gestiegene Produktivität freigewordene Energie, die für die Weiterentwicklung der Kultur hätte genutzt werden können, an genau dieser Stelle verlorengeht. Es ist sicher notwendig zu unterscheiden, ob jemand aus Spaß an der Freude „bastelt“ oder aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Im letzteren Fall bedeutet es jedoch Verschwendung wertvoller Qualifikation vieler Menschen, die zuvor mit großem Aufwand erworben wurde.

Ihre Kulmination findet diese groteske Entwicklung im Zusammenschrauben schwedischer Möbel, wobei hochqualifizierte Anwälte, Ingenieure und Journalisten, die zuvor „nach Leistungsfähigkeit“ besteuert wurden, in ihrer Freizeit sich auf einem beinahe archaischen Niveau damit beschäftigen, den Produktionszyklus eines Großkonzerns abzuschließen.

Dabei stellt sich eine interessante Frage: gehört dieser Teil der Fertigung immer noch zur Produktion, oder bereits zum Konsum? Ich muß gestehen, es fällt mir schwer, einen Haufen Kartons für einen Tisch oder einen Schrank zu halten, selbst wenn sie nach allen Regeln der Kunst bis ins Einzelne durchdacht und sehr effizient verpackt worden sind. Und in meiner Freizeit schreibe ich viel lieber Geschichten anstatt zu schrauben. Die traurige Wahrheit ist: Selbst dann, wenn so manches Paar das Einfädeln von Brettern in die Gummihalterung für den Lattenrost des neuen Betts für ein lustvolles Vorspiel hält, gehört diese Bastelei zum Prozess der Produktion. Dabei von der Steigerung der Produktivität zu sprechen wäre allerdings sehr gewagt.

Vorteile für die Machthaber

Diese Erscheinungen sind auf keinen Fall zufällig. Sie sind so gewollt und sind das Resultat einer konsequenten Politik. Ihre Vorteile für die Machthaber liegen auf der Hand.

Die fortwährend steigende Belastung der Arbeitseinkommen durch die a) progressive Besteuerung, b) Sozialabgaben und c) Konsumbesteuerung (Umsatzsteuer) schöpft weitgehend die Überschüsse ab, die durch die Steigerung der Produktivität erreicht werden. Als Folge davon wird die Kaufkraft zu den Waren aus der Massenherstellung gelenkt, die die Konsumstruktur dauerhaft bestimmen.

Aus dem gleichen Grund wird die Bildung von Vermögen aus den Arbeitseinkommen nicht möglich, was zum einen viele Verbraucher zur Kreditaufnahme für den Konsum verleitet, zum anderen aber die Beschaffung von Startkapital für angehende Unternehmer oft unmöglich macht. Es gehört inzwischen zur Normalität, daß man bei der Betriebseröffnung zuerst „mit der Bank spricht“. Auf diese Weise wird die Bevölkerung regelrecht in die Arme der Kreditbranche getrieben, was auf die Dauer nicht nur den Konsum, sondern auch die Entscheidungsfreiheit weiter einschränkt.

Die Bildung eines Dienstleistungssektors, der sich auf die Bedürfnisse der Privatpersonen spezialisieren würde, wird von mehreren Seiten eingeschränkt. Hier kommt die Belastung der Arbeit durch zahlreiche Abgaben mehrfach zum Tragen.

Auf der Seite der Nachfrage, wie wir bereits gesehen haben, dadurch, daß die im Zuge steigender Produktivität freiwerdende Kaufkraft abgeschöpft und umgeleitet wird. Auf der Seite des Angebots durch das fehlende Kapital, zahlreiche bürokratische Hürden, Zwangsmitgliedschaften in der IHK und dauerhaft niedrige Löhne und/oder Gewinnspannen, die aus dem oft sehr engen Markt resultieren. Hinzu kommt in letzter Zeit eine immer restriktiver werdende Steuerpolitik gegenüber Personengesellschaften und Gewerbetreibenden, wie man am Beispiel der Unternehmenssteuerreform 2008 sehen kann. Während durch sie für die Kapitalgesellschaften die Steuern gesenkt wurden, wurden bei Gewerbetreibenden Mieten und Pachten teilweise zum Gewinn hinzugerechnet, was mitunter zu absurd hohen Steuersätzen führte. Auch die Senkung der Steuersätze wurde nur bilanzierenden Unternehmen gewährt, während bekannt ist, daß der Großteil der Personengesellschaften und Freiberufler den Gewinn durch die Einnahmen-Überschußrechnung ermittelt.

Dabei hätte genau dieser Sektor eine entscheidende Rolle in der Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Produktivität spielen können. Hier ist ein Beispiel.

Eine mobile Maßschneiderei in Weimar, wo ich derzeit lebe, verlangt für die Fertigung einer Herren-Weste 40,00 Euro zuzüglich Fahrgeld und Material. Abhängig von der Qualität des Stoffes, den man bei der Bestellung auswählen kann, und der Größe kommt eine Weste dabei auf den Preis von ca. 100,00 bis 130,00 Euro. Ein vergleichbares Fertigprodukt, per Katalog bestellt, kostet ähnlich viel. Was ist der Unterschied zwischen diesen zwei Westen?

Die maßgeschneiderte Weste ist aus dem selbst ausgewählten Stoff gefertigt, paßt zum Rest der Garderobe und hat einen perfekten Sitz. Der Zeitaufwand ist überschaubar und mit einem sicheren Ergebnis verbunden. Die Beschaffung einer Weste als Fertigprodukt ist mit längerer Suche in mehreren Katalogen verbunden, wobei nicht einmal sicher ist, daß „etwas passendes“ dort überhaupt zu finden ist. Gesetzt den Fall, man findet schließlich eine Weste, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß sie geändert werden muß – in eigener Freizeit oder für zusätzliches Entgelt, versteht sich, – bevor sie überhaupt paßt.

Genau an solchen Stellen hätte der Hebel angesetzt werden können, der die personennahen Dienstleistungen aus dem Bereich der Freizeitbeschäftigung und Tauschzirkel hätte holen und in den Bereich der Arbeitsteilung und Spezialisierung befördern können. Doch genau das passiert nicht. Die notwendige Anpassung findet nicht statt.

Stattdessen wird eine trotz der Manipulation entsprechender Statistiken immer größer werdende Reservearmee von Arbeitslosen, Kurzarbeitern und Sozialhilfeempfängern auf Kosten der Allgemeinheit aufrechterhalten. Auf Kosten der Allgemeinheit deshalb, weil es ihre Kaufkraft ist, die für die Alimentierung dieser Leute zuvor enteignet worden ist, selbst wenn man es verniedlichend als „Sozialversicherung“ bezeichnet.

Der Glaube an die „soziale Sicherheit“ ist so tief in der öffentlichen Meinung verankert, daß die meisten Menschen gar nicht merken, daß diese vermeintlichen „Sicherheiten“ in Wirklichkeit eine Mauer bilden, die ihre Freiheit einschränkt. Wir wissen jedoch nicht nur von Tolkien, daß Mauern meist deshalb errichtet werden, um die Insassen vom Ausbruch aus dem Innern abzuhalten.

Wären die „Schutzabgaben“ nicht so hoch gewesen, hätte der Großteil der heute Arbeitslosen längst eine Beschäftigung gefunden. Für 10,00 Euro pro Stunde, die einem durchschnittlichen Nettolohn in vielen Bereichen entspricht, wären sehr Viele bereit, eine Dienstleistung zu beziehen und nicht weniger wären bereit, für diesen Nettolohn zu arbeiten. Jedoch nicht für 40,00 Euro, die sie inklusive aller Steuern und Abgaben heute insgesamt kostet. Das würde allerdings bedeuten, daß die auf dem Markt insgesamt verfügbare Arbeitskraft sich verknappen und somit verteuern würde, unter anderem auch für die Konzerne.

Daher schützt der Staat die bestehende Ordnung, die auf die Bedürfnisse der Machthaber zugeschnitten ist. Angesichts der breiten Zustimmung zu diesem Konzept fällt es auch heute nicht schwer. Nur Wenige sind in der Lage zu erkennen, daß die nicht sinken wollenden Arbeitslosenzahlen in Wirklichkeit die Berichte darüber sind, wie lang der Hebel ist, mit dem die Konzerne die Löhne und Gehälter ihrer Mitarbeiter drücken.

Die entsprechende Gesetzgebung wird bereits während ihrer Vorbereitung in den Ministerien von den Vertretern der Konzerne „beaufsichtigt“, so daß ja keine Schlupflöcher aus diesem sicheren Gefängnis entstehen. Es wundert daher nicht, wenn dabei Gesetze wie das gegen die „Scheinselbständigkeit“ entstehen, mit dem die Regierung Schröder die IT-Freiberufler drangsalierte oder die Unternehmenssteuerreform 2008, von der bereits die Rede war.

Wenn also Dieter Hopp nach höheren Steuersätzen verlangt, dann kommt es nicht aus Nächstenliebe. Es ist lediglich der Ausdruck seiner Sorge, daß die IT-Spezialisten aus der Open Source Gemeinde mit ihren Entwicklungen in immer schärfere Konkurrenz zu seinen eigenen Produkten treten. Höhere individuelle Steuersätze würden die verfügbare Zeit und Energie dieses Personenkreises schmälern und somit ihre Leistungsfähigkeit mindern. Viel Edelmut gehört zu einer solchen Forderung nicht dazu: Wer den Großteil seines Einkommens nicht aus Arbeit, sondern aus Kapital bezieht, zahlt weder den Spitzensteuersatz noch die Sozialabgaben.

Die bestehende Rechtsordnung hindert also nicht nur Maler daran, ihre Arbeit mit den Klempnern zu tauschen, sie bildet gleichzeitig ein Bollwerk gegen alle Personengesellschaften, Kleingewerbetreibende und Freiberufler, insbesondere solche, die ihre Leistungen Privatpersonen anbieten. Es geht dabei nicht um die natürliche Verdrängung der Handwerker durch die Industrie in Bereichen, die durch die Industrie tatsächlich effizienter gestaltet werden können. Es handelt sich um einen Kampf gegen die unliebsame Konkurrenz, einen Kampf, bei dem alle Register gezogen werden. Wer dabei am meisten verliert, ist jedoch die Gesellschaft als Ganzes.

Zusammenfassung

Unser Leben ist gegenwärtig in eine Zwangsjacke aus Regeln und Gesetzen gepresst, die in ihrer Gesamtheit eine nahtlose Verzahnung der konzernnahen und – daraus abgeleiteten – staatlichen Interessen darstellen. In einer frühindustriellen Zeit entstanden, hindern diese Regelungen die Gesellschaft heute daran, sich den neuen Anforderungen anzupassen.

Es gibt bestimmt heute noch Gegenden auf unserem Planeten, wo eine solche Gesellschaftsordnung einen Fortschritt gegenüber der dort aktuell bestehenden bedeuten würde. In den alten Industrieländern hat sie sich jedoch überlebt.

Die Lebenstüchtigkeit einer Gesellschaftsform wird daran gemessen, in welchem Maße sie ihren Mitgliedern bei der wirtschaftlichen Befriedigung ihrer Bedürfnisse hilft. Die Betonung liegt hier auf den Worten „wirtschaftlich“ im Unterschied zu „unwirtschaftlich“ und „ihrer“ statt derer der Großkonzerne.

Die Zeiten haben sich geändert. Die Steigerung des Wohlstands wird heute an anderen Dingen gemessen als an Löffeln, die bei Tod abzugeben sind. Doch die Regierungen in Erfüllung ihres Auftrags führen immer noch Abwrackprämien ein und hoffen darauf, daß die Bevölkerung Autos kauft, statt in ihre Weiterbildung und Computer zu investieren.

Die Entwicklung des untenehmensbezogenen Dienstleistungsbereichs hat in den letzten Jahrzehnten eine breite Schicht an Spezialisten hervorgebracht, die keine Autos benötigen, um ihre Kenntnisse über Tausende von Kilometern hinweg direkt im Auftrag des Kunden einzusetzen. Das Wissen läßt sich nun mal wesentlich leichter über das Internet als über die Autobahn übertragen.

Die Arbeitskraft einer Industriegesellschaft war an einen festen Standort gebunden und daher leicht belastbar und besteuerbar. Die Arbeitskraft einer postindustriellen Gesellschaft wird im zunehmenden Maße mobil und hat daher die besten Aussichten, den Belastungen dieser verkrusteten Ordnung auszuweichen. Es wäre gut für eine Gesellschaft, nicht darauf zu warten, bis dieser Personenkreis es den 743 000 Auswanderern aus Deutschland im letzten Jahr gleichtut, sondern früher mit der Anpassung ihrer Gesetze an die Realität anzufangen.

Wenn ein Land dagegen eine immer größer werdende Schicht hochqualifizierter Fachkräfte wie die Arbeiter einer frühindustriellen Gesellschaft behandelt, dann ist es nicht nur eine ungeheuerliche Verschwendung, sondern auch ein Armutszeugnis seiner Führung. In diesem Fall wäre es nicht verwunderlich, wenn sie früher oder später ihr Schicksal mit dem eines Paranthropus teilen würde.

Was ist also zu tun? Die Belastung der Arbeit mit den Steuern und Abgaben im Namen eines Wohlfahrtsstaats gehört abgeschafft. Punkt.

„Und wie ist es mit der Gegenfinanzierung?“, könnte jemand fragen. „Wer übernimmt dann all die Ausgaben für die Bildung, Forschung und Kinderbetreuung?“

Nun, wie wäre es mit einem Gegenvorschlag? Ein Vertrag gilt bekanntlich nur dann als ausgewogen, wenn man seine Seiten umdrehen kann, und er dann für alle Parteien immer noch akzeptabel ist. Wenn also die gegenwärtige Finanzierung von Staats- und Sozialleistungen tatsächlich gerecht ist, wie wäre es mit der Option, daß man auf die staatlichen Wohltaten verzichten kann und im Gegenzug keine Steuern und Sozialabgaben mehr zahlt?

In diesem Fall wären eine Autobahngebühr sowie die Kosten der Privatschule oder auch einer Uni absolut gerechtfertigt und reine Privatsache, genauso wie die Arztrechnung (dann würde sie endlich richtig kontrolliert). Wer dann immer noch das Bedürfnis hätte, sich zu versichern, könnte es aus freien Stücken weiterhin tun. Man darf nicht vergessen, daß all diese Ausgaben (und der Afghanistan-Einsatz obendrein) auch heute von der Allgemeinheit finanziert werden, nur erfolgt deren Verwaltung in einer bürokratischen und absolut verschwenderischen Art. Die Übertragung der Verantwortung in diesem Bereich auf den Einzelnen würde hier die Vernunft und die realen, nicht durch Monopole verzerrten Preise einkehren lassen, was dringend nötig ist. Die Nutzung kognitiver Fähigkeiten war nämlich nicht nur vor 2,5 Millionen Jahren förderlich. Sie hat seitdem noch wesentlich an Bedeutung gewonnen.

Gegen die Massenproduktion als solche ist nichts einzuwenden. Ich will nicht dafür eintreten, daß ab sofort jede Schraube per Hand hergestellt wird. Ich will nur meinen Beitrag dafür leisten, das verkrustete und überholte Machtverhältnis zu sprengen, das derzeit das größte Hindernis auf dem Weg der weiteren kulturellen Entwicklung darstellt.

Die Massenproduktion stößt schon längst an ihre Grenzen und gehört daher auf den ihr gebührenden und gemäß ihrer aktuellen Bedeutung immer bescheideneren Platz verwiesen. Sie muß Platz machen für die neuen Formen der Kooperation, die im größeren Maße imstande sind, die gesellschaftliche Produktivität zu steigern.

Es mangelt uns heute tatsächlich nicht an weiteren Löffeln und auch an Autos nicht. Es mangelt aber an vielen anderen Dingen: an Wissenschaft, die Wissen schafft und nicht nur Forschungsgelder abschöpft, an Bildung, die zur Problemlösung befähigt und nicht nur dazu, den Lohnzettel zu unterschreiben, an Dienstleistungen, die eine Zeitersparnis ermöglichen, die dazu genutzt werden kann, dieses schwer faßbare Etwas, genannt Kultur, weiter zu entwickeln. Das wäre tatsächlich eine neue Qualität. Das würde zur Entstehung einer Gesellschaft beitragen, deren Träume nicht in einer Fabrik produziert werden.

In meinen Augen wäre das eine gute Alternative. Eine andere – weniger schöne – wäre die, einen Schraubenzieher in unseren genetischen Code zu integrieren.

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